Weiche Knie, Schwindelgefühl, Beklemmung - diese Empfindungen erleben sehr viele in schwindelnden Höhen. Ob auf einem hohen Aussichtsturm, einer überragenden Klippe am Meer oder am Berggipfel eines Dreitausenders: Dieses Schwindelgefühl ist völlig normal. Bedenklich aber wird es, wenn der ganz normale Höhenschwindel in Höhenangst umschlägt. Ja, wenn sogar das Begehen einer absolut sicheren Brücke Schweißausbrüche verursacht. Dann kann man von "Akrophobie" sprechen.
Höhenschwindel ist nicht Höhenangst
Dass es einem beim Blick vom Petersdom auf die winzig kleinen Dächer Roms oder auf dem Gipfel des Großglockners leicht schwindlig werden kann, lässt sich biologisch erklären. Es handelt sich dabei um einen "Entfernungsschwindel". Dieser entsteht bei großer Entfernung zwischen der Augennetzhaut und dem nächsten sichtbaren Gegenstand. Um dieses weit entfernte Objekt scharf zu sehen, schwanken Kopf sowie Körper automatisch. Neurologen zufolge entsteht durch dieses leichte Schwanken durchaus eine erhöhte Sturzgefahr, welche durch den Gleichgewichtssinn und propriozeptorische (tiefensensible) Nerven ausgeglichen wird. Der Höhenschwindel dient dem Menschen also durchaus als nützliche Warnfunktion. Bange Gedanken wie "Was, wenn ich jetzt runterspringe?" oder "Was, wenn das Geländer jetzt
bricht und ich runterfalle?" sind mitunter durchaus normal. Mit einem Schritt zurück - damit auch wieder feststehende Gegenstände in das nähere Blickfeld rücken - oder dem Verlassen des Plateaus kann schnell Abhilfe geschaffen werden und für den Betroffenen ist der Spuk wieder vorbei. Bei Höhenangst hingegen sieht die Sache ein wenig anders aus.
Die Symptome der Höhenangst
Während normaler Höhenschwindel ein durchaus nachvollziehbares und wohl teilweise recht nützliches Phänomen darstellt, ist jedoch die Höhenangst eine weit schwerwiegendere Erscheinung. Hier bekommt die Angst vor der Höhe auch in unbegründeten Fällen (keine unmittelbare Gefahr, etc.) einen hohen Stellenwert beim Betroffenen. Bei höhenängstlichen Menschen tritt neben Schwindel, Herzklopfen und Erstarren oft auch Atemnot und Schwitzen auf. Übertriebene Angst vor dem Kontrollverlust spielt laut Neurologen dabei eine große Rolle. Tiefenpsychologisch hat die Höhenangst angeblich mit der allgemeinen Angst vor dem Sich-Fallen-Lassen zu tun.
Die Behandlung der Akrophobie
Vor Medikamenten, die angstmildernd wirken, wird bei Höhenangst eher abgeraten. Mit psychotherapeutischen Mitteln wie z.B. einer Verhaltenstherapie werden bei der Bekämpfung von Akrophobie allerdings gute Erfolge erzielt. Verhaltens- und Denkmuster des Betroffenen werden analysiert und zu verändern versucht. Betroffene werden mithilfe ihrer Betreuer dazu angehalten und dabei unterstützt, sich ihren Ängsten zu stellen und sich den Angst machenden Situationen auszusetzen anstatt ihnen auszuweichen. Angstreduzierend kann zudem u.a. die Hinzuziehung von Entspannungstechniken wie die "Progressive Muskelentspannung nach Jakobson" wirken.
Keine Angst? Keine Phantasie!
Ist man nicht gerade Dachdecker von Beruf, muss man gottlob nicht jeden Tag in schwindelnden Höhen verbringen. Dennoch sollte übertriebene Höhenangst behandelt werden, da andere psychische Ängste dahinter stecken könnten. Bei ganz normalem Höhenschwindel jedoch besteht wohl kein Grund zur Beunruhigung. Und: Gesundes Misstrauen gegenüber womöglich morschen Balkonen, schlecht montierten Geländern und eventuell mangelnder Technik konnte für manchen wahrscheinlich schon lebensrettend sein… Denn wie sagte schon Erich Kästner (1899-1974): "Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie."
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